Reggaemusik und Rastafarben

Warum eigentlich immer nur Idyll? Das kennt man aus der Werbung: Die glückliche Zweikindfamilie radelt fröhlich durch die Natur zur ländlichen Ausflugsgaststätte, um dort an rot-weiß gedeckten Tischen unter Bäumen die rustikalen Köstlichkeiten der Region zu genießen. Haben wir das nicht alle schon mal geträumt? Oder sogar gemacht?

Es geht aber auch anders, jedenfalls in Roßdorf. Wer unternimmt schon einen Ausflug ins Industriegebiet? Reifengeschäft, Baumaschinenverleih, Autoniederlassung, Werkstätten – alles würde man dort vermuten, aber gewiss keinen beschaulichen Biergarten.

Doch gegenüber der Dachziegelhandlung, gleich neben der Gastankstelle liegt er, versteckt hinter einer tiefen Einfahrt. Und inmitten des zeitgenössischen Gewerbetreibens sind wir urplötzlich in einem grün-gelb-roten Anti-Idyll gelandet.

Vor einer heruntergekommen Industriehalle mit Rasta-Dekor und Dschungelgemälden stehen tropische Kübelpflanzen auf grobem Kies. Auch einige Biertische sind bunt bemalt. Dazwischen Sitzecken unter windschiefen Anbauten, vorne warten Rutsche und Schaukel auf die lieben Kleinen, im Hintergrund tönt sanfter Reggae-Rhythmus.

Auf der – natürlich grün-gelb-roten – Speisekarte sind artig die Lieferanten des Hauses vermerkt, darunter eine Odenwälder Getränkehandlung mit dem hübschen Namen „Die Kastenschlepper“ und ein Hersteller extragroßen Zigarettenpapiers.

Wofür das gut ist, kann mitunter beobachtet werden. Pommes-frites gibt es aus Prinzip nicht, ansonsten alles, was zu einem ordentlichen Biergarten gehört. Wurst jeder Art (Brat-, Rinds-, Curry- etc.) kostet 2,50 Euro, ebenso die selbst gemachten leckeren Salate (Kartoffel, Nudel etc.).

Handkäs’ wird nicht mit Musik, sondern „mit Reggae“ gereicht. Neben Essig, Öl und Zwiebeln bedeutet das viel scharfen Paprika. Daneben gibt es Vegetarisches wie Grünbratlinge und Chutneys. Stammgäste schwärmen zudem vom „Wintercurry“ mit Kartoffeln und Erdnüssen.

Ein Paradies für unbekümmerte Bauwagensiedler und Altfreaks also, Treffpunkt ergrauter Stadtindianer und junger Globalisierungskritiker? Mag sein.

Doch ebenso ist der „Rossdörfer Biergarten“ ein beliebtes Ziel beim Abendspaziergang der Zweikindfamilie aus der Rehbergsiedlung gegenüber oder für rüstige Rentner. Sie alle sitzen dort friedlich vereint unter Palmen – welch ein Idyll. (wow)

Rossdörfer Biergarten
Industriestraße 18,
64380 Roßdorf,
Telefon 06154 83295.
Täglich geöffnet von 17 bis 1 Uhr, sonntags ab 15 Uhr.